Tina Griffith, Filmstill aus "Phantombild der Widerständigen" im ehemaligen Strahlenhörsaal der Charité. In Erinnerung an Charlotte Pommer. Performative Inszenierung auf Film, Kamera/Schnitt Anatol Schuster, 2017

 

Die zweiteilige Arbeit "Phantombild der Widerständigen", ist Charlotte Pommer (*1914 in Berlin, † 2004 bei München) gewidmet, welche von 1941 - 1943 als Assistentin an der Seite von Hermann Stieve, dem Leiter der Anatomie, in der Charité tätig war.

 

Die Heranführung an das Thema "Wissenschaft in Verantwortung" geht zurück auf ein Seminar unter der Leitung von Lisa Glauer in Vertretung für Wolfgang Knapp. Das Seminar basierte auf einer Kooperation mit dem GeDenk.Ort Charité und dem Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Bildenden Künste, Berlin. Die Arbeit wurde erstmals präsentiert in der Ausstellung "bodylandscapingtime" in der nGbK. Begleitend zur Ausstellung ist eine Zeitung mit den Beiträgen der Mitwirkenden erschienen. Teil des Seminars war außerdem ein Performance Workshop mit Mikel Aristegui. Die Ausstellung wurde initiiert und maßgeblich unterstützt von Lisa Glauer.

 

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Die Arbeit ist eingegangen in die Kunstsammlung der Charité und wird voraussichtlich ab Mai 2019 in der Dauerausstellung des GeDenk.Orts Charité zu sehen sein.

 

Bild und Text: Tina Griffith

 

Tina Griffith "Phantombild der Widerständigen", 2017, 120 x 120 cm, genähte Malerei/eingefärbtes Leinen in Siebdrucklösung. Foto: © Anatol Schuster

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Überblick

Charlotte Pommer

 

Am 9.November 1914 wird Charlotte Pommer als Tochter des Buchhändlers Walter Pommer und seiner Ehefrau Frieda, geb. Eichhorn, in Berlin geboren. 1941 absolviert sie ihr Staatsexamen mit der Note „sehr gut“ an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Noch im selben Jahr, am 01.09.1941, wird sie Assistentin von Hermann Stieve. Doch nur 18 Monate später endet ihre Tätigkeit an der Charité und Charlotte Pommer wird der Chirurgischen Abteilung des Staatskrankenhaus der Polizei Berlin-Mitte „bis auf weiteres zum langfristigen Notdienst“ zugeteilt. In ihrer Personalakte, ausgestellt vom Oberbürgermeister der Reichshauptstadt Berlin, steht: „Fräulein Dr. Pommer verläßt das Staatskrankenhaus (der Charité) auf eigenen Wunsch“. Den Grund benennt sie erstmals in ihrem 1981 an das Institut für Zeitgeschichte überlieferten Manuskript „Aerogramm an Lexi im Elysium“. Sie hatte im Sternsaal der Charité auf dem Seziertisch an der Seite von Hermann Stieve die Angehörige einer Freundin, die Widerstandskämpferin Libertas Schulze-Boysen, sowie ihren Ehemann erkannt. Laut Historikerin und Anatomin Sabine Hildebrandt ist Charlotte Pommer der einzig bekannte Fall von Arbeitsverweigerung von in der Anatomie tätigen Ärzten.

 

Charlotte Pommer verstirbt am 23.04.2004 im Alter von 89 Jahren im Altenpflegeheim Eggstätt bei München; Zeit ihres Lebens war sie ledig. Sie hinterlässt keine Kinder. Eine Fotografie ihrer Person ist bis heute nicht auffindbar.

 

"Phantombild der Widerständigen" - zur Entstehung

 

Auf die Krankenhausärztin Charlotte Pommer bin ich in der Ausstellung des GedenkOrts Charité gestossen. Erstaunlicherweise existiert von ihr keine Fotografie. Das Fehlen eines Portraits ihrer Person habe ich zum Anlass genommen, mich näher mit ihr und den Umständen, unter denen sie das Charité im März 1943 verlassen hat, zu beschäftigen.

In meiner künstlerischen Forschung beschäftige ich mich mit dem Identitätsbegriff als flexible Entität,  welche - patchworkartig zusammengesetzt- sich meist flüchtig, schwer fassbar und abhängig von seiner Umgebung zeigt.

 

Vor diesem Hintergrund ist die textile Arbeit „Phantombild der Widerständigen“ entstanden, sowie die gleichnamige performative Inszenierung auf Film im historischen Strahlenhörsaal, heute Teil des GedenkOrts Charité. Das Phantombild setzt sich zusammen aus den Konturen dreier politisch oppositioneller Frauen des NS-Regimes, welche am 22.12.1942 in Berlin Plötzensee durch das Fallbein hingerichtet wurden: Libertas Schulze-Boysen, Ilse Stöbe und Elisabeth Schumacher. Zugleich verweist das Patchwork auf das fehlende Portrait der Krankenhausärztin Charlotte Pommer.

Performative Inszenierung auf Film

 

Die filmische Arbeit zeigt eine performative Auseinandersetzung angelehnt an Lehrübungen, wie sie im Hörsaal des Anatomischen Theaters üblich waren und ihren Ursprung im 18. und 19. Jh. haben. Dabei entsteht der Versuch, den Schaucharakter Anatomischer Übungen mit dem Bühnencharakter theatraler Inszenierungen zu verbinden.

 

 

Wissenschaft in Verantwortung

 

Charlotte Pommer war als Assistentin von Hermann Stieve, dem Leiter der Anatomie, in der Charité tätig; seine Theorien über die weiblichen Geschlechtsorgane sind heute vielerorts sehr umstritten. Hermann Stieve hatte in der Zeit zwischen 1939 und 1945 an den Leichnamen von 269 hingerichteten Frauen aus den Haftanstalten und Lagern Ravensburg und Berlin Plötzensee geforscht. Nach eigenen Angaben bediente er sich der ermordeten Frauen als „Werkstoff“ für seine wissenschaftlichen Untersuchungen. Bis heute ist Hermann Stieve eine  feste Größe der Grundlagenforschung der Gynäkologie und wird unkommentiert zitier